MS Willem Ruys, Koninklijke Rotterdamsche Lloyd - Scaldis 1:250

  • Moin,


    ich habe vor einiger Zeit mit dem Bau der Willem Ruys von Scaldis im Maßstab 1:250 begonnen; ein Modell, um das ich schon seit einigen Jahren und als Erinnerung an meinen eigenen jahrelangen Aufenthalt in Asien herumgestrichen bin. Auslöser für den Bau war schlussendlich der Fund einer wunderbaren Monographie von Frans Luidinga/Nico Guns über dieses Schiff – von den zwei Bänden habe ich aber nur den ersten Band „Willem Ruys – De kroon op de vloot“.



    Eines aus meiner Sicht interessantesten und auch innovativsten Schiffsdesigns der Niederlande aus der Zeit des Art Deco war es ein typisches und besonders gelungenes Beispiel eines Schiffs für den Tropendienst.


    Im Januar 1939 wurde mit dem Bau der Willem Ruys begonnen. Seine Indienststellung war ursprünglich für 1941 vorgesehen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das im Bau befindliche Schiff bei mehreren Luftangriffen und durch niederländische Sabotage so stark beschädigt, dass die deutschen Besatzer seinen Weiterbau aufgaben mussten. Nach dem Kriegsende entschied sich der Königlich Rotterdamsche Lloyd, das Schiff trotz der erheblichen Schäden weiterzubauen. Am 1. Juli 1946 lief sie unter dem Namen Willem Ruys vom Stapel, benannt nach dem Enkel der Reedereigründer anstatt wie sonst bei dieser Reederei üblich, nach indonesischen Vulkanen. Am 2. Dezember 1947 brach sie dann zu ihrer Jungfernfahrt auf. Nach der Unabhängigkeit Indonesiens gingen die Passagierzahlen aber immer mehr zurück, so dass die Willem Ruys nach einem Umbau ab 1958 auf der Route nach Kanada und später nach Australien und Neuseeland eingesetzt wurde. Nach dem abermaligen Rückgang der Fahrgastzahlen verkaufte der Rotterdamsche Lloyd die Willem Ruys im Jahr 1965 an die italienische Line Lauro, die sie erneut umbaute und bis in die neunziger Jahre unter dem Namen Achille Lauro betrieb. Aber das ist eine andere Geschichte!


    Abgesehen von der Präsentation des Models hier im Forum im Jahre 2009 habe ich keinen Baubericht gefunden. Auch woanders und selbst in den niederländischen Foren konnte ich nur einen Baubericht entdecken, der jedoch abgebrochen wurde. Für diesen Erbauer war es aber das erste Mal, dass er sich an ein Kartonmodel wagte. Das ist definitv sehr schade und ich finde, der Bausatz hat mehr verdient!


    Das Model wird die Willem Ruys zum Zeitpunkt ihrer Indienststellung 1947 zeigen. Ich habe mir selbst lange Gedanken darüber gemacht wie ich vorgehen könnte. Entschieden habe ich mich für ein Wasserlinienmodell (man kann das Schiff auch als Vollrumpfmodel bauen) und alle Fenster ausgeschnitten. Dafür habe ich alle Fensterteile – bis auf den Rumpf – eingescannt, auf Overheadfolie ausgedruckt und mit diesen Folienteilen verglast. Es gibt außerdem einen Lasercut für die Spanten und Decks, den ich komplett verwendet habe sowie Lasercuts für Details sowie die Relingteile, die mir alle zu grob sind. Stattdessen werde ich Standard-Photoätzteile verwenden. Mir ist auch gelungen, in meinem Tonpapierfundus einen Grauton zu finden, der es mir erlaubt hat, die überaus prägnanten Wallbänder auf dem ungewöhnlich bauchigen Rumpf quasi ohne Farbdifferenz anzubringen.



    Soweit für jetzt.

    Viele Grüße aus Berlin,

    Michael

  • Moin,

    Zeit über weitere Baufortschritte zu berichten:

    • Als hilfreich hat sich die Anschaffung des Spanten und Decksatzes erweisen. Im Prinzip werden alles Decksflächen verstärkt bzw. erhalten zusätzlich Unterzüge, die auf dünnem Papier gedruckt sind. Die drei Lagen sichern auch, dass die einzelnen Decks ziemlich plan bleiben. Vor der Montage der einzelnen Decks habe ich jeweils bereits die Aufbauwände aufgeklebt, wobei die Wandanschlüsse zunächst los bleiben, um den Deckssprung am Ende aufnehmen zu können. Teilweise sind die Wandstücke sehr lang, so dass ich sie zur besseren Handhabbarkeit beim Ankleben unterteilt habe. Ebenso habe ich die übergroßen Laschen entweder gekürzt oder komplett abgeschnitten und stumpf verklebt. Außerdem war es nützlich, sozusagen mehre Decks so vorbereitet zu haben und den Passungsprozess über mehre Decks zu planen, bevor dann das jeweilige einzelne Deck endgültig verklebt wurde. Die Großen Fenster z.B. auf dem Promenadendeck auszuschneiden, war auch eine Herausforderung!

    • Wie bei so manchem Schiff sind Steuerbord- und Backbordseite, auch wenn das Konstrukteuren egal zu sein scheint, nicht gleich. Deshalb ist eine einfache Spiegelung nicht immer die beste Idee. So ist z.B. der hintere Wandausschnitt auf dem B-Deck achtern auf der Backbordseite länger als auf der Steuerbordseite. Ebenso auf dem „Bovenprommenadendeck“, wo auf der Steuerbordseite der Wände Richtung Bug drei große Fenster gedruckt sind, die jedoch nur für die Backbordseite stimmen. Dort ist nämlich der Tagesraum der Chiefs während auf Steuerbord Passagierkabinen sind, die kleine Fenster haben.

    • Erst auf den zweiten Blick ist mir auch aufgefallen, dass die Verglasung des Promenadendecks offensichtlich zu kurz ist. Sie reicht nämlich nicht bis hinter die Kommandobrücke bzw. bis zur Winde zwischen dem dritten und vierten Rettungsboot. Ich habe die Verglasung daher mit Fenstermaterial aus einem zweiten Bausatz verlängert. Jetzt stimmt zumindest die Silhouette – ob die Zahl der Fenster richtig ist, habe ich wohlweislich nicht überprüft.
    • Die Stützen für die großzügigen Veranden dieses Schiffs folgen einheitlichen Abständen und sind jeweils in einer einheitlichen vertikalen Flucht. Dies ist beim Ankleben der Decksschanz der vier Decks vom A-Deck aus nach oben zu berücksichtigen. Beim Probemodell von Scaldis und den anderen Beispielen im Netz, die ich finden konnte, hat man das – auch als Folge der zu kurzen Verglasung des Promenadendecks „etwas freier“ gehandhabt. Aber ich finde, dass sich der Aufwand des Korrigierens und Ausrichtens gelohnt hat!



    Soweit für diesmal.

    Schönen Sonntag aus Berlin,

    Michael

  • Moin Stephan,

    das finde ich auch - wenn ich jetzt noch die beiden Schornsteine baue, dann ist die Silhouette - und ein im Vergleich zu den Atlantik-Linern ungewöhnliche Schiffsarchitektur - schon ziemlich komplett.


    Ansonsten vielen Dank in die Runde für die reichlichen erhobenen Daumen.


    Viele Grüße,

    Michael

  • Moin, moin Michael,


    eleganter und wieder einmal ein äußerst sauberer Bau......naja......wie immer :thumbup:!


    Wie gehst du die Rundungen an den Fensterecken an (so ein Quatsch, entweder sind die rund, oder eckig.... ^^)?


    Gruß

    HaJo

    Exercitatio artem parat!

  • Hallo Michael,


    in der Tat würde ich auch gerne das Geheimnis der „runden Ecken“ erfahren. Und überhaupt: wie können die Fenster(chen) mit den dünnen Stegen soooo exakt - um nicht zu sagen: lasercutartig - ausgeschnitten werden?


    Beste Grüße

    Ingo

  • Moin HaJo,

    Dank Dir für das Lob.



    @ HaJo und Ingo


    Meine "runden Ecken" sind kein Geheimnis: nicht ganz bis in die Ecke am Rahmen schneiden und dann vorsichtig - in diesem Fall zwei bis drei Mal - mit der Skalpellspitze um die Ecke sticheln. Dadurch, dass der Schnitt auf der schwarzen Line erfolgt, behalten die Fenster einen Rahmen und der Schnitt sieht dann auch deshalb sehr sauber aus.


    Um so dünne Stege ausscheiden zu können, braucht es vor allem eine frische Klinge. Damit schneidet sie fast von alleine das Papier und der Verzicht auf Druck beim Schneiden verhindert auch ungünstige Zugkräfte auf das Bauteil. Außerdem habe ich eine kleine etwas härtere (und damit nicht selbstheilende) Schneidmatte.


    Viele Grüße,

    Michael

  • Vielen Dank für die Info! Hört sich so einfach an *seufz*

    Werde also weiter üben üben üben. Learning by doing und noch häufiger die Klinge wechseln. Schwierig ist immer, den Schnitt nicht zu weit zu machen. Ratsch, und schon isser durch der Steg…


    Weiterhin gutes Gelingen beim Bau! Ein schönes Schiff und ein dazu würdiger Baubericht!


    Ingo

  • Moin,


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    Mit Blick auf die dünnen Stege bei der inneren Wand des Promenadendecks noch etwas Erläuterung:


    Die Verglasung erfolgt mit Overhead Folie, auf die ich die ursprünglichen Fensterteile kopiert habe. Bevor ich, nachdem die Fenster ausgeschnitten sind, das Teil weiter ausschneide, klebe ich die entsprechenden Folienfenster auf auf die Rückseite des Bauteils. Weil die Wand gerundet ist, werden die großen Fenster nicht als Streifen sondern in einzelnen Abschnitten angeklebt. So ist sichergestellt, dass es keinen Versatz gibt. Weil Overhead Folie per se relativ steif ist, können anschließend auch alle Laschen abgeschnitten werden und das Teil wird stumpf auf dem Deck verklebt.


    Viele Grüße,

    Michael

  • Moin,


    mit dem Bau der Kommandobrücke bzw. dem Aufsetzen des Peildecks hatte meine Willem Ruys bereits ihr Gesicht bekommen.

    Nun sitzt auch die Friseur bzw. der Hut - in diesem Fall gleich zwei davon, weil zwei Schlote zu verbauen waren. Dazu kamen noch die Abdeckungen der Oberlichter.


    Die Schlote waren nicht ganz einfach zu bauen: den ersten habe ich versemmelt, weil hinten der Spalt zu groß geriet.

    Ansonsten ist die Aussenhaut der Schlote aus einem Stück und wird komplett verklebt bevor man sie über ein Spantengerüst schiebt.





    Die Willem Ruys hat damit ihre Silhouette komplett und ab jetzt ist "Verdichtung" auf den diversen Decks angesagt, um Henning zu zitieren.


    Ein schönes Wochenende und viele Grüße,

    Michael

  • Das Schiff hat wirklich eine eigenwillige Architektur. Ich finde, mit nur einem Schornstein würde die Silhouette längst nicht so gut wirken.

    Fertig: Patrouillenschiff POTSDAM

  • Das Schiff hat wirklich eine eigenwillige Architektur. Ich finde, mit nur einem Schornstein würde die Silhouette längst nicht so gut wirken.

    Moin,


    wieder mal Dank für die erhobenen Daumen.


    Ich könnte mir auch nur einen Schornstein gut vorstellen - den ersten Schornstein etwas nach hinten geschoben und von der Form her wie bei der CGT FLANDRE von 1952.




    Viele Grüße,

    Michael