Seetüchtige Motor-Kreuzeryacht mit Inneneinrichtung, ca. 1:20

  • Hallo Freunde der klebenden Zunft


    Nachdem ich mich in den letzten Wochen eher mit der Theorie als mit der Praxis beschäftigt habe (ich sage nur: Sprühdosen / Ausstellung Witten) möchte ich doch auch gerne wieder einmal mit einem Baubericht aufwarten.


    Vor einigen Jahren wurde mir ein Modellbaubogen unter dem Namen „Seetüchtige Motor-Kreuzeryacht“ angeboten. Der Modellbaubogen war älteren Datums und interessierte mich daher sehr. Bis heute ist es mir aber nicht gelungen, die Herkunft dieses Modellbaubogens einwandfrei zu klären. Vielleicht hat jemand aus dem Kreis der Leserschaft hier eine Idee?


    Es handelt sich um vier Modellbaubogen im Format 44,5 x 35,6, auf diesen Bogen ist die Bezeichnung „M. 142. Seetüchtige Motor-Kreuzeryacht mit Inneneinrichtung“ angegeben. Es gibt keine Bauanleitung, lediglich eine perspektivische Zeichnung, die das Modell sehr gefällig und schnittig-elegant darstellt. Dort befindet sich auch die Bezeichnung „JBM“, eingerahmt von dem Schriftzug „Deutsches Erzeugnis“. Zuerst mutmaßte ich den Verlag RAPI hinter dem Bogen, doch dieser Verlag verwendete eine Bezeichnung ohne Punkte hinter dem „M“ und der jeweiligen Zahl. Der Verlag J.F. Schreiber scheidet ebenfalls aus. Was könnte also noch in Frage kommen? Zeitlich müsste dieser Modellbaubogen nach meiner persönlichen Meinung etwa zwischen 1930 und 1940 entstanden sein.



    Auch eine Maßstabsangabe fehlt, errechnet habe ich an Hand der Türgrösse ca. 1:20.


    Hier erst einmal die Modellbaubogen in sehr schwacher Auflösung:


      


      

  • Axel Huppers

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  • Nun habe ich natürlich nicht den Originalbogen verbaut, sondern ging in ein Fachgeschäft in Duisburg welches über einen großformatigen Trommelscanner verfügte, und ließ mir den Bogen einscannen. Ausdrucken konnte ich ihn dann allerdings noch auf meinen heimischen Tintenstrahldrucker auf Karton von 220 g/m². Ich lackierte die Ausdrucke seinerzeit noch gründlich mit MARABU UV-Matt, dies war zu der Zeit als dieser Lack noch nicht die Probleme mit Ausblühungen verursachte. Zwischen dem Ausdruck / Lackierarbeiten und dem Baubeginn lagen nun gute drei Jahre.


    Auf dem Bogen verteilt fanden sich noch Hinweise, wie Teile verarbeitet werden sollten. So sollte das Deck verstärkt werden. Ich ging daher folgendermaßen vor: ein Ausdruck wurde minimal verkleinert und auf Finnpappe von 0,8 mm Dicke geklebt. Ein zweiter Ausdruck, nun in Originalgröße, wurde wie vorgesehen mit den Laschen belassen und dann auf dann auf das verstärkte Deck geklebt. Somit war eine stabile Basis für den weiteren Aufbau gegeben.


      


    Im nächsten Abschnitt konnte ich dann die Bordwände an dem stabilen Deck befestigen. Das Modell verfügte über keinerlei Spanten. Der Unterwasserrumpf wurde daher dann einfach nur sorgfältig an den Überwasser-Bordwänden verklebt und erhielt seine Stabilität rein durch seine Form. Allerdings wurde der Rumpf keineswegs so schnittig-elegant wie auf der Zeichnung. Eher ein wenig Plump, er erinnerte mich immer an einen Buckelwal beim Rückenschwimmen. Drei Öffnungen sollten in den Rumpf geschnitten bzw. gebohrt werden: Ein Loch für die Welle, ein Schlitz für die Wellenhose und noch wieder ein kleines Löchlein für den Ruderkoker.


    Scheinbar war seinerzeit wohl daran gedacht worden, dort bewegliche Teile aus anderen Materialien einzusetzen. Dieser Aspekt und die etwas merkwürdige Form des Unterwasserrumpfes ließen mich darauf schließen, dieser Modellbaubogen war als preiswerte Alternative zu dem seinerzeitigen hochpreisigen Blechspielzeugen angedacht. Eine interessante Betrachtungsweise!


      


      


    Auch Teile des Ständers habe ich in dieser Bauphase erstellt.



    Jetzt erst mal eine kleine Pause.

  • .........ein wenig Plump, er erinnerte mich immer an einen Buckelwal beim Rückenschwimmen.

    na na na, kann halt nicht jeder Frau von Almsiek sein.:whistling:

    Schaut doch recht gut schon aus, der Rückenschwimmer:thumbsup:


    Will mehr sehen.

    Gruß Uwe

    Man lebt ruhiger, wenn man nicht alles sagt was man weiß, nicht alles glaubt, was man hört und über den Rest einfach nur lächelt.

  • Uwe, dein Wunsch sei mir Befehl... :rolleyes:


    Im nächsten Schritt wurden dann die Teile der Back erstellt. Wie auf den Bildern zu erkennen ist, arbeitete ich viel mit Verstärkungen aus Finnpappe. Daher wurden manche Klebelaschen überflüssig, an anderen Stellen habe ich solche wiederum hinzugefügt. Mein Vertrauen in die Passgenauigkeit dieser alten Konstruktion war nur bedingt gegeben. Daher wählte ich bei der Verarbeitungsreihenfolge die Teile so, dass immer noch wieder angepasst und nachgebessert werden konnte.


      


    Besonders das gewölbte Vorschiff war nicht ohne, etliche Ungenauigkeiten mussten behutsam durch ziehen, drücken, anpassen und letztendlich etwas Aquarellfarbe ausgeglichen werden. Die Bullaugen im Vorschiff sollten ausgeschnitten und mit dunkler Folie hinter klebt werden. Ich ging jedoch so vor: schwarzes Tonpapier, überzogen mit Klebeband von TESA, was schön spiegelt, und von innen gegengeklebt. Sah doch ganz gut aus! Der Schornstein wurde von innen geschwärzt. Man könnte sich den Spaß machen und innen eine Vorrichtung zur Aufnahme einer kleinen Räucherkerze einbauen. Dann könnte das Schiffchen auf Ausstellungen wohlriechend "dampfen".


      


    Es folgte dann die Sitzgruppe im Achterschiff. Auch hier sieht man überall Verstärkungen aus Finnpappe. Auch diese Baugruppe musste behutsam eingepasst werden. Meine größte Sorge war, würde später noch die Kajüte hineinpassen? Wenn es zu knapp werden sollte konnte ich später bei der Kajüte noch etwas wegschneiden. Bei zu viel Luft und Spalten hätte ich jedoch ziemlich belämmert dreingeschaut. In mir wuchs die Anspannung.


      

  • Nun kam der Salon an die Reihe, die Kajüte für die feinen Herrschaften. Zuerst einmal verstärkte ich die beiden Stirnseiten wieder mit Finnpappe, irgendwie logisch. Die Passgenauigkeit der jeweiligen beiden Fensterhälften ließ ein wenig zu wünschen übrig. Vor dem Einkleben der Fensterfolie musste ich daher beide Seiten sorgfältig aufeinander anpassen. Als Fensterfolie verwendete ich übrigens Folie von Overheadprojektoren, in diesem Falle mit einer Stärke von 0,08 mm. Dann schnitt ich die Längsseiten exakt auf die nötige Breite zu, damit sie später in den Rumpf eingesetzt werden konnten. Ich hatte Glück und musste nur schmale Streifen von etwa 0,5 mm abtrennen. Die Längsseiten wurden mit den Stirnseiten dann stumpf verklebt, dank der Verstärkung mit der Finnpappe gab es genug Auflagefläche.


      


    Anschließend setzte ich in der Nähe des Dachs eine zusätzliche Verstärkung in Form eines Streifens Finnpappe ein, damit das Teil sich nicht durchbiegen konnte. Die Sitzfläche und der Boden sind verständlicherweise ebenfalls massiv verstärkt. Und immer wieder machte ich zwischendurch Passproben, ob sich das Teil später gut in die vorbereitete Aufnahmestelle einfügen würde. Ich war zufrieden und konnte es kaum noch erwarten um den fast fertigen Salon einzusetzen. Aber erst einmal musste alles sorgfältig trocknen.


      

  • Und dann war es soweit, der Salon wurde eingesetzt und verklebt. Fast Maßarbeit, saß, passte, hatte kaum Luft und wackelte nicht. Allerdings reichte der Boden des Salons nicht bis auf die Höhe der Böden von Vor- und Achterschiff hinunter. Dort gab es jeweils einen kleinen Versatz. Aus Restematerial, dazu hatte ich mir auch den Bogen immerhin in weiser Vorahnung zweimal ausgedruckt, fertigte ich Übergänge an. Es sah dann fast aus wie gewollt, ich war sehr zufrieden. Verdünnter Weissleim wurde nun in alle Fugen und Ritzen gefüllt, und wenn notwendig die nun verschlossenen kleinen Spalten mit Aquarellfarbe retuschiert. Und wieder hieß es nun Geduld bewahren und das Gebilde trocknen lassen. Übrigens hatte ich auch inzwischen den Ständer gemäß Anleitung erstellt. Obwohl mir die Holzstäbe mit 20 mm Durchmesser vielleicht doch etwas zu wuchtig geraten waren. Etwas schmaler hätte es auch getan…


        


    In der Zwischenzeit habe ich dann das Dach mit dem Oberlicht und das Gedöns für den Unterwasserbereich vorbereitet. Als Welle benutzte ich einen Holzstab, ebenso Zahnstocher für Ruderkoker und Flaggenstock. Gewiss hätte man hier noch andere, hochwertig-edlere Materialien z.B. aus Messing verwenden können. Mir ging es aber auch darum, mit einfachsten Mitteln das Modell zu erstellen. Und natürlich hätte ich hier auch meinem Spieltrieb folgen und etliche Teile beweglich lagernd einbauen können. Aber auch darauf habe ich verzichtet. Ich glaube, der Einbau eines Gummimotors war damals durchaus auch noch eine Option. Allerdings wurde nirgendwo auf dem Bogen darauf hingewiesen.


      


    Irgendwie musste ich nun immer an die „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma denken, wo das Schiff „Preußen“ des vornehmen Knaben aus Berlin auf dem Teich in die Luft gesprengt worden war. Ja, man hat manchmal schon seltsame Assoziationen im Kopf!

  • Die Endmontage der vorbereiteten Teile bereitete dann keine Probleme mehr. Bei den Türen zum Salon entschied ich mich dafür, sie leicht geöffnet darzustellen. Bei der Betrachtung des fertigen Modells kamen mir einige Ideen was man noch machen könnte. Bei solch einer Konstruktion könnte man auch seinen Spieltrieb ausleben. Schwimmen würde das Teil bei passender Behandlung sicher auch noch.


      


      


    Und so wühlte ich in der berühmt-berüchtigten Restekiste und förderte zwei Biegefiguren aus seligen Zeiten der Firma GRAUPNER zu Tage. Und da die beiden dargestellten Damen sich sehr schön auf dem fertigen Modell machten wurden sie angeheuert.


      


      


    Damit wäre das Modell fertig. Möglicherweise ergibt sich ja in nicht allzu ferner Zukunft die Gelegenheit, diesen Bogen via Download den Modellbauern zur Verfügung zu stellen. Wenn es dazu kommen sollte, werde ich es an dieser Stelle verlauten lassen.


    Viele Grüße


    Axel

  • Hallo Axel,

    das ist hochinteressant. Es erinnert mich an die Motorjacht 1914 von Schreiber. Aber da ist es nicht her. Aber vielleicht stammt das Boot hier aus dieser Zeit.

    Ulrich

  • Hallo Ulrich,

    ja dieses Modell hat eine sehr große Ähnlichkeit zu jenem von J.F. Schreiber. Daher kann man es wohl auch in die gleiche zeitliche Epoche einordnen. Selbst das Original-Bogenformat von J.F. Schreiber und der Maßstab sind sich ähnlich. Im Nachbarforum hat ein Modellbaukollege diesen Bogen verbaut:


    http://www.die-kartonmodellbau…ie-modelle-zu-den-heften/

    Interessant ist halt, der Schreiber-Bogen wird gemäß den Unterlagen im Schreiber-Museum in Esslingen auf das Jahr 1914 datiert. Siehe dazu Heft 2 vom "Arbeitskreis Geschichte des Kartonmodellbaus", Seite 64. Diese Korrektur der Daten im Vergleich zu Heft 1 gehen auf die seinerzeitigen Forschungen von Karl-Harro Reimers zurück. Nur schaffte man es seinerzeit bei Schreiber, sich auf zwei Bogen zu beschränken. Das hier vorliegende Modell brauchte die doppelte Bogenanzahl!

    Meine Mutmaßungen über den Erscheinungszeitraum resultieren daher, das der J.F. Schreiber-Bogen von nachgewiesen 1914 mit Frakturschrift entstand, während der hier vorliegende Bogen kurze Texte in Antiquaschrift enthält. Allerdings gibt es dazu keine klare Linie, siehe hier:


    de.wikipedia.org/wiki/Antiqua-Fraktur-Streit


    Viele Grüße


    Axel

  • Potzblitz Axel...

    Den Rumpf und das Unterwasserschiff hast Du tadellos hinbekommen :thumbup:

    Gruß Renee


    Ach ja...

    Weißt Du vielleicht ob jemand zum Interview in Witten war?

    Im Wald boten sich mir zwei Wege dar.

    Ich nahm den, der weniger betreten war!

  • Hallo Renee,


    meines Wissens nach war Jürgen-Henry Schindowski dort. Nach der Rundmail von Cindy Kramer habe ich mir ihr telefoniert, und während des Telefonates hat sich Jürgen wohl gemeldet. Wir werden bestimmt noch von Cindy Kramer dazu etwas bekommen.


    So, wieder zum Schiffchen. Dank eines Mitgliedes aus den Reihen des AGK hat sich auch schon die Herkunft des Bogens klären lassen. Es handelt sich wohl um einen Modellbaubogen aus dem Hause "Julius Bagel", dazu hier:


    https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Bagel


    https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Bagel_junior


    https://www.kartonmodellbau.or…8-Verlag%20Julius%20Bagel


    Das würde sowohl die Bezeichnung "JBM" erklären, auch das System der Bogennummern mit Punkten taucht dort auf.


    Viele Grüße


    Axel