Was für ein Schiff! Mehr als das, eine gebaute Machbarkeitsstudie einer technikversessenen Zeit, in der scheinbar alles möglich war. Oder ist es doch nur eine Steampunk-Phantasie mit sechs Masten und fünf Schornsteinen?
Ob das Riesenschiff jemals als „schön" empfunden wurde? Oder stellte sich diese Frage angesichts der ungeheuren Ausmaße gar nicht? 18.915 BRT, 211 Meter lang, doppelwandig aus Eisen gebaut, mit Maschinen, die 8300 PS leisteten, mit Schaufelrädern, einem Propeller und Segeln ausgerüstet – das Schiff war von seiner Erbauung 1858 bis 1901 das größte von Menschen gebaute bewegliche Objekt (dieser Superlativ wurde bekanntlich dann in deutlich kürzeren Zeiträumen überboten).
Die GREAT EASTERN war das Meisterwerk des genialen englischen Ingenieurs Isambard Kingdom Brunel. Einen Tag vor der Jungfernfahrt des Schiffes erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte.
Das Schiff sollte mit einer Kohlenladung von 15.000 Tonnen 4000 Passagiere von England bis Indien und wieder zurück tragen können. Was für eine Plan!
Das alles passierte nie, das Riesenschiff war seiner Zeit zu weit voraus und ein wirtschaftliches Desaster. In New York wurde mehr Geld mit Eintrittskarten zur Besichtigung des Potts verdient als mit Passagen über den Atlantik. Eine Reihe von Unfällen begleitete den Bau, den Stapellauf und die Jungfernfahrt, was sich natürlich nicht gut auf den Ruf des Schiffes auswirkte. Das Schiff wurde schwimmender Rummelplatz, gigantische Werbetafel und rostete schließlich still vor sich hin. Ab 1865 konnte die GREAT EASTERN ihre Größe beim Verlegen des 4200 Kilometer langen Transatlantikkabels ausspielen. Dazu wurde der Dampfer umgebaut, um das Kabel an Bord nehmen zu können. Eine weitere Leitung von Suez nach Bombay folgte. Das waren eigentlich die einigen Highlights im Leben des Schiffes bevor es ab Januar 1889 18 Monate lang abgewrackt wurde.



Mein Modell im Maßstab 1:1200 entstand nach Plänen. Dabei stellte sich heraus, dass die GREAT EASTERN offenbar in verschiedenen Bauzuständen dargestellt wurde. Mich interessierte der Ur-Zustand, vorm Umbau zum Kabelleger.
Beim National Maritime Museum Greenwich fand ich online einen Riss, einen Schnitt und eine Draufsicht, an denen ich mich orientierte. Die Takelage nahm ich aus dem Buch „Das Schiff“ von Björn Landström. Auf den Plänen waren beidseits mitgeführte Tender eingezeichnet (die GREAT EASTERN war für viele Häfen zu groß, daher vermutlich diese Zusatzausrüstung). Diese Tender fand ich auch auf einer zeitgenössischen Abbildung, die ich als Vorbild für mein Modell nahm. Ein Modell mit diesen Details ist mir jedoch nie begegnet. Ebenso zeigt sich das Deckslayout und die Verteilung der Rettungsboote von Modell zu Modell verschieden.
Zu allem Weiteren müsste man deutlich tiefer in die Geschichte des Vorbilds einsteigen. Fraglich waren für mich z. B., wann die Aufbauten vor und hinter den Radkästen kamen, ob die Tender tatsächlich mitgeführt wurden, ob die Schornsteine schwarz, weiß oder rot waren und ob das Schiff anfangs mit fünf Schornsteinen ein weißes, umlaufendes Band führte. Auch die Ausführung der Takelage war offenbar unterschiedlich. Wie geschrieben, hielt ich mich an die Abbildungen (u. a. zu sehen in „Das große Buch der Schiffe“ ((Südwest)) und „Die Passagierschiffe" ((TimeLife))). Das Modell habe ich genauso aufgebaut, wie ich es schon bei meinen Frachtschiffen im selben Maßstab beschrieben habe – also ohne Computer und alles via Transparentpapier und Bleistift übertragen.
Meine Darstellung unter vollen Segeln bei gleichzeitigem Maschinenantrieb (Kielwasser und Radkastenwasser) ist ideal.
Das war ein langer Text zu einem kleinen Modell mit einem Riesenvorbild 
Klaus